Stätte der Mahnung nach der Veranstaltung am 27.1.20 - mit Stele von Lily Hirschfeldt - Foto: Tobias Thiel

Gedenken zum 27.1.20

Dass das Wittenberger Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus und insbesondere der jüdischen Opfer durch eine Nachbemerkung eines AFD-Stadtrats für mich gestört wurde, hatte ich hier schon beschrieben. Und auch, dass die Einschüchterungspolitik schon wirkt, ohne dass wirklich viel passiert ist – außer einer kleinen Anfrage gegen eine Lehrerin im Landtag, einer beobachtenden Teilnahme des AFD-Kulturausschussvorsitzenden beim Bündnis Wittenberg Weltoffen, der o.g. Anfrage im Stadtrat oder der vielen Hassreden insbesondere gegen aktive Jugendliche im Netz.

Hier soll jetzt aber der Platz fürs Gedenken sein. Mit Genehmigung der Jugendlichen für die von ihnen formulierten Statements (im Text kursiv) stelle ich sehr gern die Ansprache zum Wittenberger Gedenken am 27.1.20 vor – auch wenn manches nicht exakt so gesagt worden ist, weil am Ende das gesprochene Wort zählt, ich aber nur die vorformulierten Texte verwenden kann:

Herzlich Willkommen! Schön, dass Sie hier sind, um gemeinsam der Opfer des Nationalsozialismus zu gedenken! Vor 75 Jahren wurde das Konzentrationslager Auschwitz befreit. Auschwitz steht als Symbol für die Massenvernichtung der Juden und für viele weitere Opfer des Nationalsozialismus.

Wir sind heute hier, um dieser Opfer zu gedenken. Berta und Marta Wiener, Eugen und Julie Borinski, Anna Gerische, Käthe Bosse, Dora und Berta Rindenau, Martin Kolf, Gabriele und Erwin Gustav Gold, um nur einige jüdische Menschen zu nennen, die aus Wittenberg deportiert wurden – und für die es inzwischen mit einem Stolperstein zumindest eine kleine Erinnerung in der Stadt gibt.

Ich zitiere aus der Ansprache unseres Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeir, die er zu den öffentlichen Feierlichkeiten 2020 in Yad Vashem in Israel halten durfte:

„Die Täter waren Menschen. Sie waren Deutsche. Die Mörder, die Wachleute, die Helfershelfer, die Mitläufer: Sie waren Deutsche. Der industrielle Massenmord an sechs Millionen Jüdinnen und Juden, das größte Verbrechen der Menschheitsgeschichte – es wurde von meinen Landsleuten begangen.“

Rede des Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier am 23.1.20 beim World Holocaust Forum in der Gedenkstätte Yad Vashem

Ich freue mich sehr, dass ich das Gedenken heute nicht allein gestalte, sondern junge Menschen beteiligt sind: Schülerinnen und Schüler der beiden Wittenberger Gymnasien. Sie haben Texte geschrieben.

Zu Lily Hirschfeld gibt es auch einen Stolperstein und sie ist eine der Personen, für die in einem Projekt des Luther-Melanchthon-Gymnasiums mit der Evangelischen Akademie eine Metall-Stele entstanden ist. Laura, Schülerin des Luther-Melanchthon-Gymnasiums wird uns dazu jetzt einen Text lesen.

Sehr geehrte Damen und Herren,

Mit der Fortführung des Projektes „Gegen das Vergessen- Steine und Stelen“ erinnerte das Luther- Melanchthon- Gymnasium am 7.11.2019 an die Opfer der Reichspogromnacht im Umfeld unserer Stadt. Die Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 war eine der dunkelsten Nächte der deutschen Geschichte. Die Reichspogromnacht, the night oft he broken glass, la nuit de christal. Eingeschlagene Fenster, brennende Synagogen, jüdische Männer wurden deportiert. Der ganze Hass entlud sich in dieser Nacht. Das Attentat des Herschel Grynspan hatte den perfekten Anlass geboten, alle in Deutschland lebenden Juden zu bestrafen. Leben wurden zerstört, Juden wurden zum Freiwild für jedermann. Ihre Geschäfte und Wohnungen wurden Trümmerfeldern gleichgemacht, sie wurden auf die Straßen getrieben und öffentlich gedemütigt. Wer fliehen konnte, tat dies. Der Terror hatte seinen Höhepunkt erreicht und wir alle wissen, wie es geendet hat, hier in Deutschland, in Frankreich, in Polen, in ganz Europa. Dennoch erschien mir der Holocaust für lange Zeit unwirklich, bis ich einen Vortrag über das Leben der Juden zur Zeit des Nationalsozialismus halten sollte. Erst dann konnte ich die Geschehnisse wirklich greifen. Ich hatte nie die Chance, mit einem Zeitzeugen zu sprechen und ich bin geneigt zu glauben, dass viele dazu auch nicht bereit gewesen wären. Und mit Schrecken musste ich feststellen, dass bald niemand mehr die Chance haben wird, Informationen von einem Zeitzeugen zu erhalten. Und dies hat mir noch klarer vor Augen geführt, wie wichtig es ist, die Geschichte der Überlebenden aufzuschreiben damit die Wahrheit auch für die folgenden Generationen erhalten bleibt.

Aus diesem Grund sollte dieses Ereignis, diese Schreckensjahre, nicht vergessen und verfälscht werden. Es ist aufgrund von jüngsten Entwicklungen, wie beispielsweise in Halle, bedeutender denn je, sich offen gegen Antisemitismus zu stellen und nicht nur zuzusehen, wie es damals tausende Nachbarn und Freunde getan haben. Es ist wichtig, dass die Schüler nachhaltig im Unterricht über die Vergangenheit aufgeklärt werden und es damit schaffen, sich nicht von Verleumdungen, sei es im Internet oder in dem eigenen Umfeld, leiten zu lassen oder diesen gar Glauben zu schenken.

Aus dem Lucas-Cranach-Gymnasium haben Emily, Guilia, Maike, Theresia und Tim in der Schreibwerkstatt eigene Statements formuliert die wir jetzt hören werden.

Sechs Millionen Menschen wurden Opfer des Holocaust, die meisten von ihnen waren Juden. Sie wurden in Konzentrationslager verschleppt, unter menschenunwürdigen Bedingungen untergebracht und sie erlitten in den Gaskammern von Auschwitz einen grausamen Tod – nur, weil sie eine andere Herkunft, eine andere Religion hatten…

Wir Schüler kennen die Fakten und Geschichten nur aus Büchern oder von Zeitzeugenberichten, aber wir sehen auch, wie in unserer heutigen Gesellschaft Tendenzen und Ansichten wieder erwachen, die den damaligen ähneln. Der bewaffnete Anschlag auf die jüdische Synagoge in Halle hat uns die Augen geöffnet, dass wir alles daran setzen müssen, dass sich die deutsche Geschichte nicht wiederholt.

Wir plädieren für Mut, Toleranz, Verantwortungsbereitschaft und Menschlichkeit!

Wir plädieren für Mut!

Denn man ist nie zu klein, um etwas zu bewegen! Du musst dich nicht hinter den Taten der anderen verstecken, weil: Mut kann jeder zeigen! Sieh hin, wenn jemandem ein Unrecht widerfährt, erheb deine Stimme, sag die Wahrheit, auch wenn sie unbequem ist! Viele Menschen haben Gutes im Sinn, behalten es aber für sich und viele, die Böses wollen, treten ins Licht.

Mutig zu sein heißt: Manchmal einfach über seinen eigenen Schatten zu springen, egal, wie alt man ist.

Wir plädieren für Toleranz!

Toleranz ist und wird immer mehr zu einem Begriff, der ganz oben in unseren Google-Suchverläufen auftaucht. Möchte die Suchmaschine uns vielleicht auf etwas hinweisen? Oder googeln wir ihn einfach so häufig, weil wir uns die ganze Wikipedia-Seite vor dem Schlafengehen durchlesen und versuchen, uns einzureden, dass wir ja so tolerant sind bzw. damit wir nicht vergessen, was Tolerantsein bedeutet? Toleranz heißt: die Besonderheit aller Menschen zu akzeptieren, selbst wenn diese im Gegensatz zu eigenen Meinungen und Verhaltensweisen stehen. Gerade in der heutigen Gesellschaft, in der mehr und mehr unterschiedliche Menschen mit unterschiedlichen Kulturen, Sprachen, Religionen, Sexualitäten und vielem mehr aufeinandertreffen, kommt es schnell zur Entwicklung von Hass.

Die Toleranz stellt unseren Stopp-Knopf dar, um aus dem Bus auszusteigen, der immer tiefer in die Spirale des Hasses und des Ausgrenzens fährt. Die Geschichte bietet uns genügend Beispiele, aus denen wir die Antwort darauf bekommen, was passiert, wenn es nicht gelingt, diesen Knopf zu drücken. Es endet in Leid, Diskriminierung, Hass und Angst.

Wir müssen lernen, uns dem Begriff der Toleranz bewusst zu werden, immer wieder aufs Neue. Toleranz darf nicht zu einem Fremdwort werden, sondern sollte als Einstellung in all unseren Handlungen erkennbar sein. Das lehrt uns die Geschichte.

Wir plädieren für Verantwortungsbereitschaft!

Es ist nicht deine Schuld, dass die Welt so war, wie sie war. Es ist nicht deine Schuld, dass die Welt so ist, wie sie ist, aber es wäre deine Schuld, wenn die Welt wieder so wird, wie sie war. Es ist nicht deine Schuld, dass Australien brennt. Es ist nicht deine Schuld, dass Politiker geflohene und vom Krieg gezeichnete Menschen abschieben. Es ist nicht deine Schuld, dass Polizisten vor jüdischen Gotteshäusern den Glauben verteidigen müssen.

Aber es wäre deine Schuld, wenn du weiterhin die Erde für dein deutsches Luxusleben plünderst. Es wäre deine Schuld, wenn du blau-braune rechtsgesinnte Politiker unterstützt. Es wäre deine Schuld, wenn du deine Stimme nicht erhebst gegen Rassismus, Unmenschlichkeit und die Leugnung des Klimawandels.

Nichts tun und nur hinschauen ist gefährlich und kann in Terror und Chaos enden, denn wie eigentlich jeder wissen müsste, hat es zu dem schlimmsten Verbrechen an der Menschheit geführt. Aufstehen, etwas anpacken und die Welt ein Stück freundlicher, aufgeschlossener und zukunftssicherer machen, das ist die Verantwortung, die Du hast, denn Du lebst in Deutschland.

Es ist nicht deine Schuld, dass die Welt so war, wie sie war. Es ist nicht deine Schuld, dass die Welt so ist, wie sie ist, aber es wäre deine Schuld, wenn die Welt wieder so wird, wie sie war.

Wir plädieren für Menschlichkeit!

„Edel sei der Mensch, hilfreich und gut“. Goethes Mitmenschlichkeit sollte kein abstrakter Begriff sein, aber wir müssen uns fragen, wie moralisch und edel eine Menschenseele ist, die ihresgleichen gewaltvoll und ohne Reue ermordet – ein Mensch, der glaubt, dass er etwas Besseres sein würde als alle anderen und ein Mensch, welcher nicht das Leid in den Augen dieser Welt sieht? Wie gefühllos und kalt muss das Herz eines solchen Wesens sein?

Menschlichkeit steht in einem unglaublich engen Zusammenhang mit Mut, Toleranz und Verantwortungsbereitschaft. Es bedeutet, Gefühle zu zeigen: zu weinen, zu lachen, zu leben und für andere da zu sein, egal, in welcher Lage sie sich befinden.

Es bedeutet, zum Wohle aller zu handeln und nicht nur auf seinen Vorteil bedacht zu sein. Menschlichkeit ist der Inbegriff von allem Lebenden. Sie wurde uns auf unsere Reise mitgegeben, um Liebe schenken zu können. Wir müssen uns also fragen, ob ein Mensch ohne Menschlichkeit überhaupt noch als solcher bezeichnet werden kann?

Denn wenn ein Mensch keine Menschlichkeit besitzt, was bleibt dann von ihm außer Hass, Wut, Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Diskriminierung gegenüber anderen?

Uns so habe ich das Gedenken dann fortgeführt:

Erlauben Sie mir ergänzend dazu erneut aus der Rede unseres aktuellen Bundespräsidenten zu zitieren:

„… manchmal scheint es mir, als verstünden wir die Vergangenheit besser als die Gegenwart. Die bösen Geister zeigen sich heute in neuem Gewand. Mehr noch: Sie präsentieren ihr antisemitisches, ihr völkisches, ihr autoritäres Denken als Antwort für die Zukunft, als neue Lösung für die Probleme unserer Zeit. Ich wünschte, sagen zu können: Wir Deutsche haben für immer aus der Geschichte gelernt.“

Rede des Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier am 23.1.20 beim World Holocaust Forum in der Gedenkstätte Yad Vashem

Bedenken sollten wir dabei aber auch, dass  der Großteil der Verbrechen nicht aus Hass passiert ist, sondern dass es oft vor allem Gleichgültigkeit und Gier waren. Darauf weist Maria Ossowski in einem Kommentar für den RBB hin:

„Gleichgültigkeit der Nachbarn, die bei der Deportation aus dem Fenster guckten und darauf gierten, jüdischen Besitz zu plündern. Gleichgültigkeit der Eisenbahner, die die Viehwaggons gen Osten fuhren, Gleichgültigkeit der Soldaten und Wachmannschaften, die doch nur ihre Pflicht taten. Kein Hass. Gier und maschinenhafte Gleichgültigkeit … Wenn wir für jede in der Shoa ermordete Jüdin, jeden Juden, jedes jüdische Kind eine Minute schweigen müssten, wäre es elf Jahre still in Deutschland.“

rbb Kultur | Maria Ossowski | 27.01.20 | Judenfeindlichkeit, darum geht es | Kommentar zu 75 Jahre Auschwitz-Befreiung

Lassen Sie uns deshalb jetzt wenigstens ein paar Minuten innehalten. Zum Abschluss lade ich jetzt Sie zum stillen Gedenken ein. Gern können Sie der jüdischen Tradition folgend einen Stein nehmen und diesen ohne Worte oder mit einem stillen Gebet auf die Stätte der Mahnung legen.

Titelfoto: Tobias Thiel

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