Auf dem Schulhof - Image by natureaddict from Pixabay

Schulpflicht statt Grundrechte

Obwohl es gerade so viele Dinge gibt, über die ich nachdenke, bin ich in den letzten Wochen nicht zum Blog schreiben gekommen. Vielleicht auch genau deshalb! Vielleicht lag es aber auch daran, dass mich Home-Office, Home-Schooling und ein komplett verändertes Leben zu sehr auf Trapp gehalten haben. Statt pro Woche wenigstens einen Tag im ICE und einen im Nahverkehr zu verbringen, nehme ich jetzt gefühlte 48 Stunden an Videokonferenzen teil. Wir essen als Familie mindestens zweimal täglich zusammen und es ist extrem schwer, ein Gleichgewicht zwischen immer anwesender Arbeit und immer anwesender Familie zu finden, wie ich an anderer Stelle noch beschreiben werde.

Am meisten bewegt mich aber gerade die Frage, wie es mit der Schule meiner Kinder weitergeht. Abitur ist so systemrelevant, dass unser Abiturient seit Donnerstag wieder Schule hat. In der Schule können Masken im Rahmen der Schutzkonzepte empfohlen werden, sind aber – im Unterschied zu Geschäften und dem ÖPNV in Sachsen-Anhalt – nicht verpflichtend. „medical aiport“, die in Sachsen-Anhalt für die Hygiene und den Arbeitschutz an vielen Schulen zuständig sind, hält das auch nicht für nötig. Der Landkreis Wittenberg stellt deshalb auch keine Masken – nicht mal für Risikogruppen – zur Verfügung. Den entsprechenden Brief des Landkreises an die Schulen habe ich bei Facebook veröffentlicht, woraufhin mir der Pressesprecher des Landkreises schrieb, dass ich Probleme mit dem Verstehen des Briefes hätte, weil ich den Zusammenhang nicht kennen würde. Leider habe ich bis zum Moment des Veröffentlichen dieses Beitrages auch auf Nachfrage keine Erklärung bekommen.

Je länger diese Corona-Krise anhält, umso unsicherer werde ich in der Beurteilung dessen, was richtig und falsch ist. Insofern widersprechen sich Teile dieses Beitrags. Einzelne Überlegungen stellen keine konsistente Position dar. Am Ende fehlt sogar die Pointe ;-). Es lohnt sich aber bis zum Ende zu lesen, weil da der Punkt kommt, der meiner Lebenswirklichkeit gerade am wenigsten nah ist, der aber vielleicht am meisten darüber aussagt, wie wir zukünftig zusammenleben wollen.

Mal angenommen es sei so, dass man unbedingt vermeiden muss, in größeren Gruppen zusammenzukommen und Kitas auch geschlossen bleiben müssen. Warum sind dann zwei Monate von zehn oder zwölf Schuljahren so systemrelevant, dass Schule unbedingt stattfinden muss? Selbst wenn der Unterricht in entsprechend großen Räumen und mit kleinen Gruppen stattfindet, wird es in den Gängen schwer, einen Abstand von 1,50, besser 2,00 Meter zu halten, wenn z.B. die eine Gruppe vor einem verschlossenen Raum warten muss und dann noch eine andere Gruppe vorbeikommt. Wenn nur ein Jahrgang anwesend ist sind das je nach Schulgröße schon 50 bis 200 Schüler*innen, die sich nicht komplett aus dem Weg gehen können.

Am Einzelfall wird es noch deutlicher: Ein Freund meines Sohnes, dessen Mutter diverse relevante Vorerkrankungen hat, hat mit jeder Nachricht der letzten sechs Wochen gelernt, das jedes unnötige Rausgehen lebensgefährlich für seine Mutter sei. Jetzt wird er gemeinsam mit den Schüler*innen von drei Abiturklassen in die Schule geladen. Ich mag mir nicht vorstellen, wie unsicher er sich jetzt in der Schule fühlt und was erst passiert, wenn trotz aller Vorsichtsmaßnahmen jemand aus der Schule an Covid-19 erkrankt. Und das Ziel der Maßnahme sind ja nicht Perspektiven für geschundene Familien oder die Erprobung zukunftsfähiger Lernkonzepte. Vielmehr geht es darum, dass auch in Krisenzeiten ein Abitur mit allen Leistungsnachweisen erbracht werden muss. Werden wir im Nachhinein fragen, wie viel Menschenleben das Abitur 2020 gekostet hat? Und wird es für die Jugendlichen besser sein, ein Abitur auf Kosten anderer gemacht zu haben, als ein Abitur mit weniger Klausuren und Prüfungen? Wenn ich überlege, wie flexibel wir als Familie auf die Corona-Krise reagiert haben, dann hätte ich mir hier ein bisschen mehr Flexibilät von den für Bildung zuständigen Ministerien gewünscht.

Und jetzt mal andersrum gedacht: Nehmen wir mal an, dass es vertretbar sei, dass sich 80 Jugendliche mit Abstand auf einem Schulhof treffen und dann zu acht in einem Raum lernen, und 40 Jugendliche gleichzeitig auf einen Schulbus warten dürfen, dann erschließt sich nicht, warum sie privat nur mit einer anderen Person unterwegs sein dürfen. Und dabei wird oft übersehen, was es für Kinder und Jugendliche bedeutet, wenn sie ihre Freunde wochenlang nicht treffen und nicht zu den Orten ihrer Freizeitgestaltung gehen können.

Kinder und Jugendliche brauchen für ihre Entwicklung unbedingt das erreichbare Höchstmaß an Gesundheit und Schutz, aber auch Förderung und Teilhabe. Sie brauchen schlicht den Austausch und gemeinsame Erlebnisse mit Gleichaltrigen. Sie brauchen Ansprechpersonen und ein soziales Netzwerk außerhalb der Kernfamilie.

Stellungnahme des Deutschen Bundesjugendings vom 3.4.2020

Wenn es aufgrund der Schulpflicht verpflichtend ist, sich in größeren Gruppen – mit entsprechendem Abstand – zu treffen, warum sollen dann nicht auch außerschulische Jugendgruppen im Freien mit Abstand um ein Lagerfeuer sitzen und Lieder singen können? Warum darf es keine Veranstaltungen der Erwachsenenbildung geben? Warum sollen dann Versammlungen nach den Verordnungen der Länder nicht zulässig sein? Zum Glück hat das Bundesverfassungsgericht dazu inzwischen entschieden, dass Grundrechte durch Verordnungen nicht aufgehoben werden können, wie die tagesschau berichtete.

Ähnlich diffus geht es mir mit der Maskenpflicht. Unter dem Titel „Und das Volk näht“ fasst Bettina Gaus das besser zusammen, als ich es hier tun könnte. Ich persönlich empfinde die Maske als größere Einschränkung, als ich vorher gedacht hätte. Ich fühle mich damit wirklich unwohl. Mit einem solchen Teil im Gesicht kann ich mir aktuell einen normalen Seminar- und Tagungsbetrieb, also dem Nachgehen meiner bisherigen Tätigkeiten, nur schwer vorstellen. Ich hoffe, dass das vor allem eine Frage der Gewöhnung ist. Nach dem Hinundher, ob Masken überhaupt etwas nützen oder nicht sogar Virenschleudern seien, der Ankündigung der Bundeskanzlerin, es würde keine Pflicht geben, und der Einführung der Pflicht in inzwischen allen (?) Bundesländern, halte ich es ein bisschen wie beim Klimawandel: Wenn es keine zusätzlichen Risiken birgt, dann kann ich Mund und Nase zum Schutz meines Nächsten mit Maske oder einem Tuch bedecken, selbst wenn am Ende rauskommt, dass es nichts genützt hat.

Und nun zu dem Punkt, der mir als relativ Priveligiertem erstmal gar nicht so nah ist, der aber vielleicht entscheidend dafür ist, wie wir zukünftig zusammenleben. Es droht eine große Entsolidarisierungswelle und eine Abgrenzungswelle gegen viele Gruppen, die anders sind: Die Vorerkrankten, die Alten, die Dicken, vielleicht auch Familien, bestimmt bald auch aufgrund rassistischer Motive, wenn Corona in Afrika wütet und es weiter Bootsflüchtlinge gibt.

Wie absurd dieses Gruppenprinzip ist, wird schon an der weitverbreiteten Vorstellung deutlich, dass es gesund oder krank gäbe, dass es sich dabei also um ein binäres System handle. Mit Blick auf Corona geht es in Wirklichkeit bestenfalls darum, Vorhersagen zu treffen, welches Immunsystem und welcher Körper besser mit dem Virus umgehen können wird.

Und die Wahl zwischen Shutdown beenden oder fortführen ist dann eben auch eine Scheinwahl, wie Frédéric Valin in der taz schön zeigt. Alleinerziehende stehen aktuell vor der Wahl zwischen Depression und Überforderung oder erhöhtem Ansteckungsrisiko in der Notbetreuung. Von der Gesellschaft allein gelassen, fühlen sie sich in beiden Fällen – und noch einmal mehr, weil sie allein vor diese Entscheidung gestellt werden.

Titelbild: Image by natureaddict from Pixabay

3 Gedanken zu “Schulpflicht statt Grundrechte

  1. Der Bericht gefällt mir und zeigt das Hin und Hergerissen sein von vielen MMenschen.
    Ich verstehe zum Bsp nicht,warum unsere Kinder nicht einfach rechtzeitig getestet werden. Das gäbe ein bißchen mehr Sicherheit für alle.

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  2. Der Bericht gefällt mir und zeigt das Hin und Hergerissen sein von vielen MMenschen.
    Ich verstehe zum Bsp nicht,warum unsere Kinder nicht einfach rechtzeitig getestet werden. Das gäbe ein bißchen mehr Sicherheit für alle.

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