Zerknüllte Blätter - Image by Steve Johnson from Pixabay

Schulfrust. Ich bin am Ende.

„Erstelle einen Plan für jeden Tag! Erledige die Aufgaben möglichst selbstständig, deine Eltern haben jetzt vielleicht andere Sorgen!“, so heißt es auf der Webseite der Schule unserer Kinder. Und tatsächlich haben Eltern von vier Kindern, die beide Vollzeit im Homeoffice arbeiten, wirklich keine Nerven und Zeit mehr, dann auch noch mit jedem Kind die Aufgaben zu bearbeiten. Wir haben uns also an diese Verheißung gehalten und darauf geachtet, dass unsere Kinder sich genügend Zeit für die Aufgaben nehmen und das sie ihre Aufgaben finden. Und gedacht, danach ist es Aufgabe der Lehrerinnen und Lehrer zu schauen, ob die Kinder vorankommen oder nicht oder welche Hilfe sie benötigen.

Dachten wir! Bis vor einer Woche. Da haben wir die Oma engagiert, über Skype und Discord mit dem Fünft- und Achtklässler zu besprechen, was zu tun ist. Die hat dann gemerkt, dass die Kinder schon Wochen zurückliegen. Und das die Aufgaben sich ganz überwiegend am Lehrbuch orientieren. „Lies Seite X bis Y und löse die Aufgaben auf Seite Z“, ist das Schema dem fast aller „Fernunterricht“, alles „Homeschooling“ folgt, sofern man das jeweils passende Passwort und die Inhalte an den seltsamsten Stellen überhaupt findet. Es gab wenig multimediale Inhalte, fast nichts, was extra für den Fernunterricht erstellt wurde, keine Videokonferenz, kaum eine persönliche Nachricht und nur eine Lehrerin hat einmal angerufen, um nachzufragen, wie es geht. Die Lehrerin unseres Achtklässler meinte, es sei nicht schlimm, wenn die Kinder nicht alle Aufgaben schaffen würden. Stattdessen sollten sie sich zuerst auf die Hauptfächer konzentrieren. Also haben wir unseren Kindern vermittelt, sie sollen sehen, dass sie wenigstens in den Hauptfächer am Ball bleiben.

Bis heute! Morgen ist nämlich der einzige Tag vor den Pfingstferien, an dem der Fünft- und der Achtklässler in die Schule müssen. Zur Lernstandsfeststellung, wie es in der 5. Corona-Verordnung des Landes Sachsen-Anhalt heißt. Und da die Klassenlehrerin des Fünftklässlers nun mal offensichtlich am liebsten Geschichte unterrichtet, fällt ihr heute ein, den Schülerinnen und Schülern mitzuteilen, dass sie das A1-Plakat morgen mitbringen sollen, das sie schon vor Ostern gestalten sollten. Also Panik beim Kind, bei Oma, bei der Mutter, verzweifelte Recherche, gemeinsames Arbeiten der drei an einem Online-Dokument. Unsicherheit, ob das Plakat auch als Ausdruck geht. Wir haben allerdings nur einen A3, keinen A1-Drucker. Und eigentlich ist es ja auch eine Bastelaufgabe mit Glitzer und so. Am Ende: Heute schaffen wir es nicht mehr! Wir schreiben ihm einen Zettel, dass wir es bis Montag abgeben. Da geht dann ohnehin erst die andere Hälfte der Klasse in die Schule.

Ich erfuhr alles erst am Abend, weil ich das erste Mal wieder einen ganzen Tag im Büro war. Immer noch Panik zu Hause. Außerdem fehlt ein Lesetagebuch. Unauffindbar verschwunden, aber auch erst heute mitgeteilt, dass er das morgen braucht.

Heißt Lernstandserfassung eigentlich, dass die Kinder dann morgen möglichst viele Noten bekommen? Wer weiß, ob es dazu noch mal Gelegenheit gibt? Der Leistungsbewertungserlass des Landes, der vorschreibt, wie viele Noten es pro Jahr braucht, ist jedenfalls noch nicht offiziell außer Kraft gesetzt wurden. Hausaufgaben dürfen eigentlich nicht bewertet werden und keinem sollen Nachteile aus der Corona-Zeit erwachsen, aber …

Während ich das schreibe, kommt die Zehntklässlerin rein und druckt noch ein paar Seiten aus. Sie hat heute erfahren, dass sie bei einem Lehrer alles ausgedruckt mitbringen soll, was sie in dem Fach in der Corona-Zeit gemacht hat.

Noch lustiger fing der Tag an. Ich habe aus dienstlichen Gründen die aktuelle Corona-Verordnung des Landes gelesen. Dabei fiel mir auf, dass Sportunterricht grundsätzlich nicht stattfinden soll, was ich laut vorlas. Darauf meine Tochter: „Wir haben laut Stundenplan morgen Sport“. Also hat meine Frau im Sekretariat angerufen und nachgefragt und wenige Stunden später steht auf dem Stundenplan: „Der Sportunterricht 10 fällt bis auf weiteres aus„, in der 11 steht Sport normal auf dem Plan. Da gibt es offensichtlich bisher kein Elternteil, das sich beschwert hat.

In der Verordnung des Landes steht auch, dass die Kinder sich in Pausenzeiten möglichst nicht begegnen, sondern nur in ihren Lerngruppen bleiben sollen. An der Schule meiner Kinder ist laut Stundenplan ein ganz normaler Raumwechsel in jeder Pause vorgesehen. Also alle ca. 200 Kinder, die pro Tag aktuell beschult werden, haben gute Chancen, sich wenigstens einmal am Tag näher zu kommen.

Richtig cool ist auch, dass man jetzt eine elterliche Gesundschreibung für die Beschulung braucht. Nur wenn die Eltern per Unterschrift bestätigen, dass die Kinder gesund sind, dürfen sie am Unterricht teilnehmen. „Wer die Gesundheitsbescheinigung vergisst, muss wieder nach Hause gehen“, heißt es in der Mail an unseren Fünftklässler, der eigentlich schulpflichtig ist und sonst auch nicht allein nach Hause gehen darf. Perfekt für Schulschwänzer! Die vergessen jetzt einfach diesen Zettel und dürfen dann nicht in der Schule bleiben, sondern müssen sich leider in der Stadt rumtreiben, bis der Schulbus zurückfährt.

Wenn ich mir hier meinen Frust von der Seele schreibe, dann möchte ich nicht wissen, wie es den Kindern geht. Sie haben sich jetzt reichlich sieben Wochen eingeschränkt, keine Freundin oder höchstens mal einen Freund getroffen. Sie sind zu Ostern nicht zur Oma gefahren, um sie zu schützen. Sie sind eingeschüchtert wurden. Ihnen wurde Angst vor einem Virus gemacht. Und jetzt zählt das alles nicht mehr. Und keiner fragt, wie es ihnen geht.

Schule interessiert sich auch nicht für die Kompetenzen, die sie gelernt haben: Selbstorganisation. Noch nicht perfekt, aber viel weiter als vor der Corona-Krise. Online-Recherche. Download von Materialien und selbstständige Bearbeitung. Kollaboratives Arbeiten an Dokumenten mit Mitschüler*innen. Podcast-Erstellen. E-Mail-Schreiben, Masken nähen, Mittagessen kochen … Das alles scheint Schule nicht zu interessieren. Es zählt nur der Stoff.

Sorry, für den Post. Ich habe es einfach satt, dass es an dieser Schule keine zeitgemäße Bildung gibt und darüber dann letztlich auch noch die soziale Auswahl erfolgt. Unsere Tochter hat sich gequält und wird am Ende dafür gelobt werden und die Jungs haben sich leider erfolgloser gequält und bekommen keine Anerkennung. Und die, bei denen Eltern gar nicht schauen oder die Eltern kein Abitur haben oder die einfach keinen Rechner haben oder oder oder … die fallen dann eben durch. So ist das halt im normalen Schulbetrieb und in Corona-Zeiten ist das dann eben noch ein bisschen mehr so.

P.S. Etwas differenzierter, aber auch mit vielen offen Fragen setze ich mich in diesem Beitrag mit dem Schulbeginn auseinander.

Titelbild: Image by Steve Johnson from Pixabay

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